Anreise

(Auszug aus dem Reisetagebuch von Sagittarius von Wolfsburg und seiner frisch angetrauten Gattin Solana)

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Die letzten Tage hatten durch zunehmend unwirtliche Gebiete geführt, während die Gipfel um uns herum immer höher wuchsen. Nur der halb zugewachsene Karrenpfad, der an dem tief eingeschnittenen, zwischen Kiesbänken und Steilufern mäandernden Gebirgsbach entlang durch den dichten Laubwald führte, ermutigte uns zur Weiterreise.

Eine Überraschung war dann das kleine, von einer Palisade umgebene Dorf der Holzfäller und Köhler, das an der Gabelung des Baches über die schmale Furt wachte und einen gepflegten Eindruck machte. Am Ufer lagen mehrere Flöße in verschiedenen Stadien der Fertigstellung.

Nach kurzer Skepsis über den Anblick zweier gerüsteter Ritter wurden wir im Dorf »Wolfswalden« gastlich empfangen. Auf meine Frage nach einer Burg reagierte man mit Erstaunen: hatte ich sie denn noch nicht gesehen? Man wies auf den Einschnitt zwischen den von ewigem Eis bedeckten, schroffen Bergspitzen, und auf den Felsmonolith auf der rechten Seite.

Blick auf Hochtal und Burg (28kB)Tatsächlich: auf der Spitze des Monolithen waren klar die Konturen eines künstlich geschaffenen Bauwerks auszumachen, von dem aus man sicher einen Gutteil unseres bisherigen Weges überblicken konnte. Von hier unten aus schien es völlig unerreichbar.

Den Abend verbrachten wir mit dem Austausch von Informationen. Wir bestätigten, demnächst hier in die Burg einziehen zu wollen, erzählten ein wenig über unsere Herkunft und wie wir zu dieser Burg gekommen waren, und erfragten im Gegenzug allerlei über das Leben und die Sorgen der Talbewohner. So erfuhren wir auch, daß man hier von Zeit zu Zeit mit einer Orkbande zu kämpfen hatte - aber wenn hier erst einmal Rittersleute einzögen, würde sich das sicher ändern. Bei allen Zwölfen: natürlich lassen wir nicht zu, daß Orks unsere Leute belästigen! Wozu sind bewaffnete Ritter denn da, wenn nicht zum Schutz der Zivilbevölkerung?

Am nächsten Tag folgten wir dem Pfad, der in den Taleinschnitt hinein und in das Gebirge hinauf führte. Vor uns lag ein Wasserfall, der uns in vielen Kaskaden entgegen stürzte, gespeist aus einer noch unsichtbaren Quelle weiter oben im Gebirge, und einem zweiten Zufluß, der knapp neben dem Monolithen steil in die Tiefe stürzte.

Der Pfad führte in vielen Kehren am Fuße des viele hundert Schritt über uns aufragenden Monolithen aufwärts. An mehreren Stellen mußte das fließende Wasser durchquert werden, auch sonst war der Weg teilweise naß und glitschig. Dennoch bereitete es keine Mühe, langsam zu reiten.

Nach langem Anstieg wurden wir mit dem Anblick eines lieblichen Hochtals belohnt: die Talsohle kultiviert, saftige Bergweiden zur Rechten, in Praios' Glanz funkelnde Weinstöcke zur Linken, ein kleiner Bergsee voraus, an dessen Ufer eine weitere, gepflegte Siedlung lockte. Direkt vor uns dagegen erblickten wir eine heruntergekommene, offensichtlich verlassene Ansammlung von Hütten rund um einen größeren Platz an einer Gabelung des Wegs. Dieser führte wiederum bergan, und wir folgten ihm in Richtung auf einen breiten Felsensims, der einer steilen Felswand wieder talauswärts folgte.

Von hier aus hatten wir einen besseren Blick auf die vor und immer noch über uns aufragende Burg, deren trutziger Bergfried die Talseite der Klippe beherrschte. Ein etwas kleinerer, aber nicht minder wehrhaft wirkender Turm herrschte über den Weg, der sich bei der weiteren Annäherung allmählich zu einem rund zwanzig Schritt breiten Plateau erweiterte. Nicht weit dahinter stürzte ein kleiner Bach reißend talwärts. Das Plateau wurde von einer viele hundert Schritt hoch aufragenden, nahezu spiegelglatten Steilwand begrenzt.

Vom Plateau aus nahmen wir die Burg näher in Augenschein: an den uns zugewandten Ecken des anscheinend etwa dreieckigen Felsensockels ragte je ein Turm gute zwanzig Schritt in die Höhe. Die beiden Türme verband eine immer noch gute zwölf Schritt hohe Wehrmauer, in der Mitte unterteilt durch ein etwas höheres Torgebäude, aus dem uns ein fünf Schritt breiter und ebenso hoher Durchgang angähnte. Eine Zugbrücke aus eisenbeschlagenem Steineichenholz überspannte eine rund zehn Schritt breite Kluft zwischen dem Felsplateau und dem Monolithen. Beim Blick hinunter konnte einem schwindlig werden: bestimmt zweihundert Schritt unter uns verjüngte sich die Kluft zu einem schmalen Spalt - lagen dort Knochenreste?

Insgesamt maß diese Seite der Burg runde 85 Schritt.

Wir führten unsere Pferde über die solide Zugbrücke, unter einem mißtrauisch beäugten Fallgitter hindurch, durch ein zweiflügeliges, schweres Metalltor, das nur halb offen stand. Vor uns, am anderen Ende des tatsächlich etwa dreieckigen Burghofes, ragte nun der Bergfried über 25 Schritt hoch vor uns auf, gekrönt von einem metallisch schimmernden, stachelbewehrten Kegeldach. Auf halbem Wege dorthin drohte eine erhöhte Brustwehr jedem Unheil, der mit feindlicher Absicht das Tor erstürmen würde.

Links von uns schmiegte sich ein langes, hohes Gebäude an den Wall und den Bergfried. Viele Fenster identifizierten es sofort als das Wohngebäude der Festung. Ein kleineres Häuschen drückte sich in die Nische zwischen dem Wohngebäude und dem Eckturm, davor ein großer Ziehbrunnen. Zwischen Torturm und Eckturm sahen wir noch ein kleineres Gebäude.

Auf der rechten Seite zog sich ein weiteres langes Gebäude vom Eckturm am Wall entlang, durch die größeren Tore als Pferdestall erkennbar, das jedoch mit einem kleineren Anbau ein Stück vor dem Bergfried endete.

Anscheinend war die Burg völlig verlassen.

Oder doch nicht? Hinter der Brustwehr erschien eine pelzige Schnauze, dann der ergraute, sehnige Körper eines riesigen Wolfes. Er grollte uns an, und der erste Reflex führte unsere Hand zum Schwertgriff. Doch es wäre ein schlechtes Omen gewesen, unsere Ankunft mit Blut zu feiern. Ich stieg vom Pferd, legte Waffen, Helm und Handschuhe beiseite und ließ mich auf die Knie nieder. Langsam trat der Wolf heran, immer noch leise knurrend, jetzt aber auch Witterung aufnehmend. Einige bange Augenblicke vergingen, während derer er mich langsam und argwöhnisch umkreiste, dann leckte er meine Hand. Ein erneutes Knurren, das sich wie »Aragh« anhörte, entrang sich seiner Kehle, dann jagte er behende durch das Burgtor davon.

Kurze Zeit darauf vernahmen wir ein vielstimmiges Jaulen, das von den Bergwänden des Tales in vielfachem Echo widerhallte: eine schaurige Begrüßung an den neuen Herrn der Burg Wolfeneck!

Mit einem kurzen Aufstieg durch den taleinwärts gelegenen Wehrturm bis auf die Wehrmauern ließen wir es bei diesem Besuch bewenden, dann verließen wir die Burg und ritten hinab zu der Siedlung am See.

Dort hatten sich die Dorfbewohner bereits auf dem Dorfplatz versammelt. Die vielen roten Haare, der kleine Wuchs, die Pelzkleider und die Tracht verrieten klar die nivesische Abstammung. Nun, mit meinen roten Haaren und den immer noch leicht nivesischen Gesichtszügen hatte ich hier schon einen kleinen »Heimvorteil«.

Bei unserem Eintreffen brach die aufgeregte Debatte ab und wich erwartungsvollem Schweigen. Doch einer faßte sich schnell ein Herz und trat auf uns zu, um uns willkommen zu heißen in »Wolfental am See«. (Später erfuhren wir, daß es taleinwärts noch ein »Wolfental am Quell« sowie an den Hängen praioswärts ein »Wolfental am Berg« sowie firunwärts ein »Wolfental am Hang« gab.) Dann fragte er, ob wir die neuen Herrschaften der Burg seien, was wir überrascht bejahten. Woher wußte er das? »Die Wölfe haben Eure Ankunft kundgetan,« antwortete er und lud uns zum Abend in seine Hütte ein. Dort erzählte er uns dann die Sage vom Wolfental.

Wir tauschten später unsere Gedanken zu dieser Sage aus: Die Namen Inuk und Ania schienen auf nivesischen Ursprung hinzudeuten. War Ania ein Wolfskind gewesen? Wann war dies alles geschehen - wenn die Legende denn der Wahrheit entsprach? Dieses Ungeheuer mußte eine Schimäre gewesen sein. Also zur Zeit der Skorpionkriege? Das Tal unten hieß also »das waldige Tal«. Und Kohlen und besonderes Erz zum Waffenschmieden schien es hier zu geben. Danach zu suchen würde sich lohnen.

Am nächsten Morgen begaben wir uns zu einer eingehenderen Untersuchung der Innenräume wieder hinauf in die Burg. Da wir auf Ratten gefaßt waren, begannen wir unsere Untersuchung mit gezogenem Schwert respektive Florett, doch in dieser Hinsicht hatten die Wölfe offensichtlich ganze Arbeit geleistet. Nach einer Weile steckten wir die Waffen ungenutzt wieder weg.

Was wir antrafen, war weniger schlimm als befürchtet. Die Burgmauern und Türme schienen aus dem massiven Fels gehauen zu sein, wobei man den jetzt sichtbaren Teil stehen gelassen und »alles entfernt hatte, was nicht nach Burg aussieht« (meinte Solana). Gleiches galt wohl auch für die Mauern und Decken der Haupt- und Nebengebäude. Bei einer Geschoßhöhe von zweieinviertel Schritt blieben so ein Spann und zwei bis drei Finger Deckenstärke - aus massivem Fels! Die Fußböden und die Innenwände waren dabei feiner gehauen als Decken und Außenseiten. Um die Bausubstanz brauchten wir uns wohl keine Gedanken zu machen.

Die Dachstühle der Gebäude dagegen waren aus Holz, mit Metallplatten bedeckt und von innen in irgend einer Form behandelt. Hier würde ein Schreiner nochmal ein Gutachten abgeben müssen.

Gleiches galt auch für die dünneren Holztüren, die nicht zu den Befestigungsanlagen gehörten, und die Möbel würde man definitiv nicht mehr nutzen können - falls die Dorfbewohner noch etwas damit anfangen könnten, sollten sie es als eine Art Einstandsgeschenk gerne haben!

Wieso war es überall in den fensterlosen Räumen in den Türmen und auf den Wallseiten der Gebäude so hell? Irgendwie schienen auch die innersten Räume von Praios' Glanz erfüllt zu sein, jedenfalls gab es innen immer wieder Stellen, die wie Fenster hell wirkten, wo keine Fenster sein konnten. Irgend eine Art von Kristall mußte das Licht auffangen und ins Innere abgeben - wie macht man das?

Die Fördermechanik des Brunnens sah interessant aus: anstelle eines einzelnen Eimers an einem langen Seil gab es eine rundum laufende Kette kleiner Eimer, die das hinauf geschöpfte Wasser jeweils in einen Trichter ausgossen, unter den man wiederum einen Eimer stellen konnte. Die Schöpfgefäße ebenso wie die Kette und die Antriebsmechanismen waren aus einem rostfreien Metall gefertigt. Getrieben wurde diese Anlage durch ein über dem Brunnen befindliches, großes Rad, in das man wohl rundum Stangen stecken konnte. (Unsere Ratlosigkeit klärte sich später: hier konnte man ein Zugtier immer im Kreis um den Brunnen laufen lassen, um kontinuierlich Wasser zu schöpfen.)

Erst etwas später fielen mir dann noch die durch dünne Steinplatten abgedeckten Rinnen im Boden auf, die zum Küchengebäude, zum Pferdestall und zum Tor führten: auf diesem Wege wurde Wasser für die Küche und die Pferdetränken in kleine Vertiefungen im Boden der Gebäude geleitet, wo kleinere Ausgaben der gleichen Fördereinrichtung das Wasser in bereitstehende Tröge schaffen konnten - diese waren allerdings längst verrottet. Die dritte Rinne mußte wohl zur Entleerung der Zisterne dienen, obwohl das Wasser auch in den Brunnen zurückgeleitet werden konnte.

Zu den wenigen erhaltenen Gegenständen gehörte jeweils ein Altar in den beiden kleineren Türmen. Mag es göttliche Fügung oder einfach solide Handwerksarbeit gewesen sein: diese Gedenkstätten an FIRun im einen und RONdra im anderen Turm waren sichtbar besser erhalten als das übrige Mobiliar.

Würde diese Burg einen Sturmangriff überstehen? Ich hatte keinen Zweifel, solange alles mit rechten Dingen zugehen würde, war diese Festung nahezu uneinnehmbar. Die Felsplatte bot nicht genug Platz für einen Gegner, Anlauf zu nehmen. Schweres Sturmgerät mußte mühsam über den nicht allzu breiten Pfad hinauf befördert werden, dabei stets in Reichweite der Schützen auf dem Firunsturm. Danach mußte ein Gegner über die Klamm, das schwere Tor und das Fallgitter überwinden - wiederum in Reichweite der Schützen hinter dem zentralen Brustwehr, auf den Wällen und den Türmen. Die zusätzliche Sicherheit, die der nochmals stark bewehrte Bergfried als Rückzugsposition bot, würde wohl kaum benötigt werden.

So blieb als zweite Möglichkeit die Belagerung. Wieviele Maß würde der Brunnen wohl fassen? (Eine spätere Messung ergab ein Fassungsvermögen von über zweitausend Ox.) Und wieviele Rationen Nahrung konnte man lagern, ohne diese dem Verderb auszusetzen? Ein Ausfall über den schmalen Felspfad wäre schwierig, wenn auch der nahegelegene Gebirgsbach leicht freizukämpfen schien. Doch eine verborgene Treppe in die Tiefen des Burgfrieds enthüllte weitere Möglichkeiten: tief in den Kern des Felsmonolithen hinein fanden sich hier weitere Wasserzisternen und Kornkammern; mit Türen einer Paßgenauigkeit, die Ratten und Mäusen keine Chance gewährte. Und noch ein großer Schatz befand sich hier unten, fern aller Wetter- und Klimaeinflüsse: tief in den Eingeweiden des Berges hatte man die fünfzehn Hornissen und zwei Böcke eingelagert, über deren leere Sockel ich auf den Türmen schon gerätselt hatte. (Allerdings klärt dies nicht die Frage, wie rondragefällig solche Gerätschaften sein mögen.)

Solana schließlich brachte meine schweren Gedanken wieder auf einen anderen Weg: würde man hier wohnen mögen? Wir stiegen wieder hinauf auf die Plattform des Bergfrieds. Eine phantastische Sicht über die Gebirgslandschaft, wo der abendliche Glanz Praios' sich auf dem ewigen Eis der höchsten Spitzen rosa widerspiegelte, wie auch die solide Sicherheit, die die trutzigen Wälle ausstrahlten, die großzügigen Räume in den Gebäuden, die komfortable Einrichtung mit ausgeklügelter Licht- und Wasserversorgung, die freundlichen Bewohner des Hochtals - alles das unbestreitbare Vorzüge.

Ein grimmig-eisiger Windhauch brachte die Nachteile in Erinnerung: eine Lage am Allerwertesten der Welt, in wenig lieblicher, zugiger Höhe, zwischen hohen Felsgipfeln eingeschlossen wie eine Fliege zwischen Ingerimms Händen, erreichbar nur über einen mühsamen, feuchten Anstieg zum Hochtal, bei schlechtem Wetter gefangen zwischen kalten, kahlen Felsmauern...

Wie sollte man einen solchen Steinklotz heizen? Man würde große Mengen dickster Wandteppiche aufhängen müssen, für Öfen weitere Löcher in den Stein brechen und trotzdem am Rauch halb ersticken. Und wenn hier Kinder aufwachsen sollten? Vielleicht sollten wir die Errichtung eines kleinen Häuschens am See in Erwägung ziehen?

(Erst später sollten wir erfahren, daß auch die Erbauer dieser Festung nicht gerne kalte Füße hatten. Ein befreundeter Magier interessierte sich für einige seltsame Kessel über Feuerstellen in der Küche, die zum Kochen völlig ungeeignet schienen. Tatsächlich führten von dort Schächte in den Fels, die sich nach seinen Worten im Fels in viele kleinere Kanäle verästelten, die warme Luft durch die Fußböden aller bewohnten Räume in den Häusern und den Türmen leiteten. Nach seinen Worten sei es ausgeschlossen, eine solche Konstruktion ohne magische Hilfe sogenannter »Erz-Elementare« herzustellen.)

Mit diesen ersten Eindrücken verließen wir die Burg und etwas später auch das Hochtal. Mit Handwerkern, Gesinde und einer kleinen Stammbesatzung für die Burg würden wir wiederkommen.

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(Ende des Tagebuchauszuges)


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