Die Legende vom Wolfental

Dies ist die Legende, wie Matti aus Wolfental am See sie erzählte:

»Vor langer Zeit lebte im heutigen Wolfental eine kleine Sippe von Hirten in göttergefälliger Bescheidenheit. Sie lebten von der Milch und dem Fleisch ihrer Schafe und Ziegen und den Beeren und Halmen des Tales, und hin und wieder erlegte einer der Ihren auch einen Rotpüschel. Im waldigen Tal unterhalb des Wasserfalls war dagegen das Reich der Wölfe, und nachts, wenn das Madamal voll am Himmel stand, konnte man sie schauerlich heulen hören. So hatte jeder sein Revier und war zufrieden.

Doch dann kam Unheil über dieses Land. Immer öfter vernahm man ein Aufjaulen und dann plötzliche Stille anstelle des gewohnten Wolfsgeheuls, und diese nächtlichen Hymnen wurden immer leiser.

Eines Tages erschien ein großes Rudel Wölfe am Eingang des Hochtals. Inuk aus der Hirtensippe sah sie als erster, und er ergriff seinen Bogen und rief um Hilfe. Doch obwohl die Wölfe mager und struppig aussahen und in ihrem Hunger sicher auch einen Menschen nicht verschmäht hätten, schlugen sie einen Haken um den Hirten und liefen weiter, so als ob sie vor einer großen Gefahr fliehen würden. Dies erfüllte Inuks Herz mit noch größerer Furcht, und nur mit all seinem Mut wagte er es schließlich, einen Blick ins waldige Tal hinunter zu werfen.

Er sah, wie Bäume wie Halme umknickten, da sich etwas Großes durch den Wald auf ihn zubewegte, und so sandte er ein Stoßgebet an die Götter und flehte um Beistand. So stand er da und verfolgte den Weg der fallenden Bäume auf den Fuß des Hanges zu, an dem er zitternd wartete.

Sein erster Hilferuf war nicht ungehört geblieben, und schon bald standen alle aus seiner Sippe mit ihren Bogen und Messern neben ihm. Und auch sie waren voll Furcht, doch sie konnten nicht weichen, denn das Tal hinter ihnen bot keinen Ausweg. Da ging die alte Ania hin und sagte "Wartet", und verschwand zwischen den Büschen.

Inuk und die Seinen sammelten ein paar Steine und errichteten einen kleinen Wall zwischen zwei großen Felsbrocken am oberen Rand des Hanges. Dazwischen stellten sie ein paar angespitzte Stecken und besonders spitze Felsen. Dann versammelten sie sich dahinter, bereiteten ihre Bögen vor und stellten ihre Köcher vor sich und warteten.

Und dann kam das Ungeheuer aus dem Wald, und es war nicht von dieser Welt. Es war nicht Bär und nicht Luchs, nicht Drache und nicht Schlange, nicht Spinne und nicht Käfer, und doch von allen ein wenig. Und seine Augen leuchteten wie Kohlen in der Glut, und seine Arme endeten in vielfachen Klauen, und aus seinem Rachen loderte das Feuer. Und als es den Hang mit mächtigen Schritten erklomm, erzitterte der Boden.

Viele Pfeile flogen ihm entgegen, doch sie prallten ab an dem Monster, als sei es aus Stein. Da wurde ihnen noch mehr bang, doch Inuk und die Seinen schossen noch einmal, und sie blendeten ein Auge. Da brüllte das Ungeheuer vor Schmerz und Zorn, und in rasender Wut stürzte es sich auf den Wall aus Fels, aus dem die vielen Nadeln geflogen waren. Und es verletzte sich noch mehr und wurde noch wütender und schlug um sich und spie Feuer und erschlug viele aus Inuks Sippe.

Diese nahmen ihre Messer zur Hand und gingen mit dem Mut der Verzweiflung auf das Untier los und stachen darauf ein. Und wieder wurden viele erschlagen, verbrannt oder verletzt, und ihre Messer konnten die Haut des Monsters kaum durchdringen.

Nur Inuks Dolch, aus dem schwarzen Metall der Berge gegossen, durchdrang wieder und wieder den Panzer des Berserkers, der unter seiner Sippe wütete, doch bald war niemand mehr unverletzt, und der Kampf schien verloren.

Da erschienen die Wölfe wieder, und sie sahen die Kreatur kämpfen und den Mut von Inuks Sippe, und da stürzten sie sich auf die Bestie und verbissen sich in die Klauen und die Kiefer, und viele der Wölfe starben sofort. Doch Inuk sah die weiche Stelle im Panzer, wo ein Pfeil stecken geblieben war, und da die Klauen voller Wölfe hingen und ihn nicht packen konnten, nahm er Anlauf und rammte seinen Dolch tief hinein in das Wesen, und zog ihn zurück und stieß ihn wieder in die Tiefe, und heißes Blut spritzte ihm in hohem Bogen entgegen und begoß ihn von Kopf bis Fuß.

Die Kreatur schrie in unirdischen Tönen in ihrer Pein und neigte den Kopf zu Inuk und spie eine gewaltige Flamme über ihn. Doch diese vermochte das heiße Drachenblut, das ihn verhüllte, nicht zu durchdringen. Und immer mehr von dem Blut strömte heraus aus dem Ungeheuer, und mit dem Blut floß auch das falsche Leben aus dem Körper, und schließlich starb es.

Zurück blieben wenige aus Inuks Sippe und wenige aus dem Rudel der Wölfe, und nur eine alte Wölfin war unverletzt. Sie sprach: 'Mensch und Wolf haben gemeinsam gekämpft und gewonnen. Dies Tal sei künftig ihr gemeinsames Revier, und keiner soll dem anderen Leid antun. Und die Menschen mögen eine steinerne Feste errichten, das Tal zu schützen vor allem, was wider die Natur sei. Und nur ein Freund der Wölfe wird leben im Tal und in der Feste. Doch werden Wolf und Mensch getrennte Wege gehen wie es in ihrer Natur ist und sich nicht leiden des anderen Gewohnheit. Dies sei der Bund im Wolfental, besiegelt mit dem Blut beider Völker, und gültig bis in alle Ewigkeit.'

Und so war der Pakt geschlossen. Und man verbrannte die Reste des Ungeheuers in einem heißen Feuer und gab die Asche in den Fluß, daß er sie bis ans Ende der Welt tragen möge, und pflegte die Verletzten. Und man dankte dem Stein, der den Wall gebildet hatte, und dem Erz des Dolches, und pries ihre Kraft, und errichtete ihnen ein Mal, das das Tal und den Hang und den Wald übersah.

Dies war die Legende vom Bund im Wolfental.«

Und er ergänzte noch: »Seit dieser Zeit kamen selten Menschen zu uns. Die, die Freunde der Wölfe waren, blieben bei uns. Einige bewohnten eine Zeitlang die Festung, doch dann zogen sie in den Krieg und kamen nicht wieder. Anderen, böse Menschen, kamen auch, aber man schickte sie zur Festung, wo sie große Schätze zu erhoffen hätten. So ließen sie die Bauern in Ruhe. Doch niemand kam mit Schätzen aus der Burg zurück. Manchmal fand man noch ihre Waffen oder einen Teil ihrer Habe, doch in der Nacht heulten die Wölfe immer wie nach einer guten Jagd.«




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