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Der Sippenälteste Faradin, Sohn des Garambosch, läßt es sich nicht nehmen, die Führung durch seine Binge persönlich zu übernehmen. Er begrüßt Euch an den Häusern von Wolfental am Quell.
Während des Aufstiegs zum unteren Eingang der Binge weist er auf die Abraumhalde: "Der Berg ist schon wieder so angewachsen. In einem Mond müssen wir ihn wegschaffen, sonst überragt er noch den Zugang." Weiter erklärt er, daß der Abraum teils dazu benutzt wird, alte Stollen zu verfüllen, teils auch zum Schottern und Gründen der Wege im Wolfental und im Waldigen Tal.
Ihr erreicht den Zugang mit dem großen Portal. "Drachensicher, also klauenfest und unbrennbar. Hier kommt keiner 'rein, wenn wir das nicht wollen." Zur Zeit steht es aber weit offen und gewährt den Zugang zu einem zehn Schritt breiten und fünf Schritt hohen Durchgang. "Ihr denkt jetzt sicher, warum ist der Tunnel so groß, daß ein Drache durchpaßt, wenn wir doch so klein sind?" Ihr nickt. "Der Querschnitt ist für die Belüftung nötig. Sonst müßten wir hier einen Sturm erzeugen, der selbst Zwerge von den Beinen hebt."
Im Boden des ansteigenden Tunnels sind Rillen zu sehen. Ein steter Strom kleiner Loren - Wagen auf vier Metallrädern, mit steinbefüllten Wannen - bewegt sich in einem solchen Rillenpärchen auf den Ausgang zu. In der Parallelspur ziehen Zwergenponys die leeren Loren wieder in die Binge hinein. Dazwischen sind geschäftige Zwerge unterwegs. Eine ständige Geräuschkulisse rumpelnd abrollender Räder, wiehernder Ponys, trappelnder Schritte und fröhlicher Rufe untermalt dies. Ganz an der Seite des Tunnels führt ein dünnes Rinnsal in einer weiteren Vertiefung Wasser dem Ausgang entgegen.
Nach rund fünfzig Schritt erreicht Ihr eine kuppelförmige Höhle, sicher hundert Schritt im Durchmesser, in der geschäftiges Treiben herrscht. Gegenüber setzt sich der breite Tunnel anscheinend fort, zur Linken führt ein weiterer großer Durchgang in andere Teile der Anlage. Auch dort sind Zwerge und Loren unterwegs.
Faradin erläutert: "Links geht es zur Verhüttung und zu den Schmieden. Das zeige ich Euch später."
In der Mitte des Höhlensaals ist ein großes, vielfach verstrebtes Gestell zu sehen, von dem aus mehrere Gruppen von Seilen in einen Schacht hinunterführen. Mehrere Seilbündel befinden sich an zwei Seiten, in der Mitte hängt eine große Plattform an mehreren kräftigen Tauen. Gleich vor Euch, zur Linken, läuft ein Doppelseil mit Schütten immer rundum. Am oberen Umkehrpunkt entleeren sich die Schütten geräuschvoll über eine Rutsche in bereitstehende Loren, bevor sie wieder in die Tiefe gleiten. Zur Rechten befindet sich eine gleichartige Konstruktion, nur sind deren Schütten offensichtlich zum Schöpfen von Wasser gedacht - auch wenn sie momentan nur ein schwaches Rinnsal befördern. Dazwischen flattern leicht aufgeblähte Segeltuchmützen.
Gegenüber der Schütten, jenseits der großen Plattform, entsteigen vier Zwerge einem kleineren Holz-und-Metallgestell, sechs andere steigen zu. Dann ertönt ein Bimmeln, und das Gestell mit den Zwergen verschwindet im Schacht. Über Umlenkrollen wird offensichtlich gleich nebenan irgend etwas anderes heraufgezogen, und tatsächlich taucht kurze Zeit später ein gleichartiges Gestell auf, dem wieder sechs Zwerge entsteigen.
Querschnitt des Fahrstuhlschachts
"Dies ist zur Zeit unser meistgenutzter Schacht. Wir sind auf Sohle vier und fünf im Moment dabei, neue Vorkommen zu erschließen, die Marnax, unser Prospektor, aufgetan hat. Da ist viel zu tun: wir müssen vor allem den Schacht zu Sohle fünf erweitern, um die nötige Kapazität zu schaffen," sagt Faradin. "Ihr seht eine typische Schachtanlage: Ein doppelter Pendelfahrstuhl, ein Leiterschacht, eine Erzförderanlage, eine Entwässerungsanlage und eine doppelte Bewetterungsanlage. Und in der Mitte ein Lastenaufzug für schweres Gerät und Ponys. Ich zeig's Euch noch genauer, kommt mit."
Er führt Euch näher an die umlaufenden Schütten heran. Die Fördermechanik wird von zwei Ponys angetrieben, die neben dem Schacht immer im Kreis laufen. "In der Regel haben wir keine Probleme mit Wasser im Schacht - was Ihr seht, ist Kondenswasser oder Feuchtigkeit aus der Wasserkühlung. Deshalb ist die Wasserförderung mit der Erzförderung gekoppelt. Wir können die Pumpe aber auch separat betreiben, dann schaffen wir problemlos 300 Liter in der Minute, mit vier Ponys auch das Doppelte. Und notfalls könnten wir die Erzförderanlage auch noch zum Schöpfen einsetzen. Natürlich haben wir in jedem Schacht solche Förderanlagen." Faradin deutet auf die Segeltuchmützen, in denen windmühlenartige Flügel angetrieben werden. "Für unsere Bewetterung: damit schaffen wir frische Luft in die tieferen Schächte. Die größte Gefahr in den unteren Sohlen ist der Luftmangel. An verbrauchter Luft kann man ersticken."
Er führt Euch um den Schacht herum auf die andere Seite, wo das Gestellpärchen inzwischen wieder getauscht hat. "Hierauf sind wir besonders stolz: in anderen Bingen haben sie einzelne Fahrstühle. Aber wir sparen viel Kraft für unsere Ponys, indem wir sie paarweise laufen lassen, so gleicht sich das Gewicht meistens ziemlich gut aus." Es bimmelt, die Anlage setzt sich wieder in Bewegung. Euren nächsten Gedanken (?) nimmt er vorweg: "Der Nachteil ist: wenn das Seil einmal reißen sollte, hängen beide Fahrkörbe fest. Wir haben zwei Sicherheitseinrichtungen dafür." Er deutet auf die Umlenkrollen, die an einer Art Federmechanik hängen. "Wir haben dort noch eine Durchlaufbremse. Sobald ein Seilende ohne Belastung durch einen Fahrkorb ist, rastet die Bremse ein und stoppt das Seil, bevor es durchrauschen kann. Dann können wir einen Fahrkorb einzeln betreiben, bis wir den anderen geborgen haben. Aber natürlich werden die Förderseile jede Woche kontrolliert." Ein Fahrkorb kommt an, Zwerge steigen aus. Faradin zeigt auf Metallklammern an der Seite des Gestells: "Wenn das Tragseil abreißt, sorgt eine Feder dafür, daß diese Klammern gegen die Schachtwand gedrückt werden und der Korb hängenbleibt. Dann müssen die Mitfahrer nur abwarten, bis wir sie mit der großen Plattform holen kommen."
Ein anderer Zwerg reicht Euch Helme mit kleinen Laternen daran. Faradin bedeutet Euch, den Helm aufzusetzen, und betritt dann den Fahrkorb. "Kommt erstmal mit hinab." Ihr folgt. Es bimmelt, und mit einem sanften Ruck setzt sich die Anlage in Bewegung. Die Schachtwände scheinen aufwärts an Euch vorbeizugleiten, aber natürlich ist es umgekehrt. Die hell erleuchtete Halle wird zu einem kleinen Lichtpunkt, und Faradin entzündet die Helmlampen.
"Bis zur dritten Ebene sind es rund 200 Schritt. Mehr können wir mir diesem System nicht überwinden - irgendwann tragen die Seile ihr eigenes Gewicht nicht mehr, und wir wollen schließlich auch noch etwas dranhängen."
Kurzzeitig kommt ein heller Punkt in der gegenüberliegenden Schachtwand in Sicht, dann ganz kurz auch ein Durchgang hinter dem Fahrstuhl. Faradin deutet kurz darauf: "die Erzflöze hier waren wenig ergiebig. Wir haben zwar einen Teil erkundet, dann aber die Arbeit an erfolgversprechenderen Stellen konzentriert. Diesen Schacht haben wir dann später erst angebunden."
Immer tiefer rollt der Fahrstuhl in die dunkle Tiefe, Euch wird bewußt, daß dies kein Ort für jemanden ist, der unter Raumangst leidet. Schließlich kommt unter Euch ein heller Fleck in Sicht und wird schnell größer. Dann kommt der Fahrstuhl auf der Höhe einer großen Halle - ganz wie der, in der Ihr gestartet seid - wippend zum Halt. Wundert Ihr Euch, daß er nicht am Boden aufsetzt? "Dann würde die Sicherung ausgelöst. Der Zug auf das Seil muß bleiben", erklärt Faradin.
Ihr seht Euch in der Halle um: größere Tunnel führen in zwei gegenüberliegende Richtungen, sie müßten parallel zu denen auf der höheren Ebene verlaufen, wenn Euch Eure Orientierung nicht täuscht. Nur gehen sie hier in beiden Richtungen leicht aufwärts. In der Hallenmitte finden sich die gleichen Konstruktionen für Fahrstuhl und Bewetterung, im Boden die Laufrillen für Loren, nur die Öffnungen nach oben an der Seite der Halle, wo Ihr gerade angekommen seid, bilden den Unterschied. Hier werden die Schütten aus den Loren befüllt, dazu ist die untere Umlenkrolle ein Stück in den Boden versenkt.
Andere Zwerge betreten hinter Euch den Fahrkorb, mit dem Ihr gekommen wart. Einer zieht an einem Seil zwischen den beiden Schächten. Kurz darauf klingelt eine Glocke neben Euch, und der Fahrkorb setzt sich in Bewegung. Faradin führt Euch in die Mitte der Halle zu einem weiteren Fahrkorb, und schon seid Ihr wieder unterwegs in die Tiefe. Diesmal stoppt der Fahrkorb jedoch mitten im Schacht - sicher weitere 100 Schritt tiefer - und entläßt Euch in einen engeren Gang, der mit mehreren Öffnungen zum Schacht hin um denselben herumführt. Auch hier ist noch Platz für die Loren und ihre Fahrrinnen, ebenso für eine Wasserrinne. Aus den Tiefen eines Ganges hallen klopfende und trommelnde Geräusche. Faradin führt Euch ein Stück in diesen Gang hinein, biegt zweimal in engere Gänge ab, dann seht Ihr die Helmlaternen anderer Zwerge voraus, und die Trommelgeräusche werden unangenehm lauter.
Hattet Ihr erwartet, die Spitzhacke schwingende, singende Zwerge anzutreffen? Nun, Zwerge und Spitzhacken seht Ihr zwar, doch was hier den Lärm macht, ist ein seltsames mechanisches Konstrukt: acht Zwerge sind paarweise dabei, eine Kurbelwelle anzutreiben, vier weitere stehen dahinter und scheinen das Gerät abzustützen, dessen vordere Spitze sich kreisend und trommelnd in das Gestein frißt. Mit Faradins Ankunft und auf einen Wink von ihm unterbrechen die Zwerge ihre Arbeit. "Hier seht Ihr unseren 'Felsenfresser', eine eigene Erfindung von Borlox, unserem Grubenmeister, und Hugen, unserem Schmiedemeister." Er deutet auf verschiedene Teile des Geräts. "Über diese Handkurbeln wird die Maschine angetrieben. Die Drehung wird mit diesen Zahnrädern etwas schneller gemacht. Hier wird der Antrieb des Exzenters abgezweigt, und hier seht Ihr den Exzenter, der den Bohrkopf ein Stück zurückzieht und dann wieder vorschnellen läßt. So wird aus der kontinuierlichen Drehung ein schnelles Hämmern. Hier ist der Bohrkopf mit den Stahlklauen. Und dies hier" - er zeigt auf kleine Rohre - "ist die Wasserkühlung. Mit der verhindern wir, daß der Bohrkopf gleich anfängt zu glühen, und spülen auch kleineren Abraum weg."
Er tritt beiseite, um Euch näher heran zu lassen. "Leider funktioniert er nicht bei allen Gesteinsarten, und wir können hier auch keine Ponys zum Antrieb einsetzen, aber um einen Gang schnell zu verlängern, hilft er ungemein. Ansonsten haben wir natürlich auch noch die klassische Methode mit der Hacke." Dann wendet er sich wieder dem Gang zu, den Ihr gekommen seid. "Ein ähnliches Gerät nehmen wir auch für die Schächte. Aber da können wir mit Ponys arbeiten, das ist gegenüber früher ein Riesenvorteil. Ich glaube, keine andere Sippe kann so etwas wie unseren 'Felsenfresser' vorweisen."
Dann führt Faradin Euch zum Schacht zurück. Ihr müßt zweimal einen Fahrkorb passieren lassen, dann hält ein leerer Korb vor Euch. Ihr steigt zu, und es geht weiter in die Tiefe.
Wieder endet der Schacht in einer Kuppelhalle. Wieder gibt es zwei größere, ansteigende Gänge und einen Schacht nach unten. Diesmal ist der Schacht nach unten jedoch enger, und es gibt noch einen dritten Gang, der allerdings schräg nach unten führt. Auf diesen hält Faradin zu. "In der Regel sind unsere größeren Tunnel so angelegt, daß sie nach unten bis zu einer Halle führen, und die verbinden wir mit Schächten. Aber parallel dazu sorgen wir immer dafür, daß man auch ohne Schacht von einer Ebene zur nächsten kommt. Dazu werden an geeigneten Stellen - also da, wo wir auch Erz finden wollen - normale Gänge in die Tiefe gegraben. Dies ist einer davon: mit diesem Gang haben wir Ebene 5 erschlossen."
Nach rund 150 Schritt passiert Ihr einen weiteren Schacht - wie zuvor beim Besuch des 'Felsenfressers' offensichtlich irgendwo auf halber Höhe. Faradin führt Euch weiter in die Tiefe. Dann scheint es nicht weiter zu gehen: Ihr seht vor Euch eine Felswand. Doch es handelt sich lediglich um eine Spitzkehre, dann noch zwei weitere, bevor der Gang in der Gegenrichtung weiter abwärts führt, und schließlich in die Kuppeldecke einer weiteren Halle. Diesmal müßt Ihr über eine Leiter zum leicht schrägen Boden der Halle steigen. "Man weiß ja nie, was man in den Tiefen so antrifft: wenn wir die Leiter einziehen und den Fahrstuhl hochfahren, kommt hier kein Tier hoch." Faradin deutet auf das unfertig wirkende Gestell in der Hallenmitte: "Hier kommt erst noch ein richtiger Schacht hin, dieser Teil ist noch recht frisch. Wir sind hier erst seit zwanzig Jahren dran."
Faradin führt Euch mit einem wissenden Lächeln in den hinaufführenden Gang. "Hier hinauf. Ich hoffe, Ihr seid fit?" Ja klar, der sanfte Anstieg ist doch kein Hindernis für einen trainierten Helden. Trotzdem nehmt Ihr dankend an, als er Euch 200 Schritt weiter in der nächsten Kuppelhalle ein Krüglein Leichtbier anbietet.
Vier weitere Zwerge erwarten Euch, die jedoch nicht die typische Grubenausstattung tragen, sondern mit Äxten und Armbrüsten ausgestattet sind. Sie begrüßen Euch und Faradin und gehen dann in einen kleineren Gang voran. "Keine Sorge, wir haben keine aktuellen Probleme, wir sind nur lieber vorsichtig", sagt Faradin dazu. Dann folgt Ihr den Kämpfern.
Dieser Gang ist weniger bequem als die bisherigen: er folgt verschiedenen Kurven, ist niedriger und auch manchmal steiler als bisher gewohnt. Manche Stellen sind feucht, und Ihr gewinnt zunehmend den Eindruck, daß hier natürliche Hohlräume im Fels erweitert wurden, statt einen komplett neuen Gang zu graben. Faradin bestätigt dies: "Ja, es dürfte teils vulkanischen Ursprungs sein. Und wurde dann natürlich durch das Wasser weiter ausgehöhlt. Zum Glück ist es nur wenig Wasser, was durch den Fels sickert. Aber wie Ihr gesehen habt, sind wir gewappnet."
Nach einem weiteren Steilstück steht Ihr an einer eisenbeschlagenen Tür, die in den Fels eingesetzt wurde, und die an mehreren Stellen verriegelt ist. Die Tür wird geöffnet, und drei der Bewaffneten treten hindurch. Erst nachdem diese Euch ein Zeichen gegeben haben, folgt Ihr mit Faradin hindurch. Der vierte Bewaffnete schließt hinter Euch die Tür wieder, Ihr hört, wie die Riegel von der anderen Seite eingerastet werden.
Vor Euch liegt ein sicher zwanzig Schritt breiter und um die zehn Schritt hoher Höhlengang mit einer Vielzahl von Stalaktiten und Stalagmiten. Das Vorankommen ist mühsam, und Eure Helmlampen werfen verwirrende Schatten auf die Höhlenwände. Doch dann steigt die Decke nach oben, die Seitenwände weichen auseinander, und der Hall Eurer Schritte verrät, daß Ihr eine größere Höhle unbekannten Ausmaßes betreten habt. "Stellt Euch so, daß Ihr die Lampen Eurer Nachbarn nicht sehen könnt", empfiehlt Faradin. "Und dann wartet einen Moment, bis sich Eure Augen an das Dunkel gewöhnt haben."
Langsam gewöhnen sich Eure Augen an das Dunkel. Zarte, bizarre Konturen schälen sich heraus. Kräftige Säulen ragen in die Höhe, schlanke Zapfen unter der fernen Decke recken sich ihnen entgegen. An manchen Stellen haben sie sich zu soliden Pfeilern verbunden, anderswo sind es zarte Gebilde wie die Saiten einer Harfe. Teile der Decke zeigen eine Unzahl nadelspitzer Zäpfchen, dicht an dicht wie die Stacheln eines Igels. Das flackernde Licht Eurer Helmlampen bricht sich in den feinen Tropfen an der Spitze der Stacheln, bringt die feuchten Oberflächen des Bodens und der Sintertürme vor Euch zum Glänzen.
Doch Eure Lampen sind nicht das einzige Licht hier. Ein schwaches grünes Glimmen überzieht Teile der Höhle, verrät leuchtende Flechten oder Phosphorpilze. Und war da nicht ein heller Reflex zur Rechten? Nein... doch! Eine flackernde blaue Flamme springt lustig eine Felssäule hinauf! Elmsfeuer!
Allmählich könnt Ihr erahnen, wie groß diese Höhle sein muß: bis zur gegenüberliegenden Seite sind es sicher an die dreihundert Schritt, je zweihundert zu den Seiten und ebenso weit bis zur Decke, wo ihr diese vermutet.
Ein leises "Plitsch" hallt durch den Felsendom, unterbricht den Zauber des Schweigens. Natürlich: in einer Tropfsteinhöhle darf es auch tropfen, doch das Geräusch verrät auch die Gegenwart stehenden Wassers.
Faradin spürt, daß Eure Haltung sich von angespannter Erwartung zu interessierter Neugier gewandelt hat, und räuspert sich. Das Geräusch wandert vielfach gebrochen durch die Höhle. "Wir nennen es den 'Dom'. Greifax, der Vater und Vorgänger von Borlox, hat diese Höhle vor rund vierhundert Jahren zufällig entdeckt."
Ihr erfahrt außerdem, daß der 'Dom' inzwischen vollständig erforscht ist. Der erste Zugang, der entdeckt wurde, befindet sich nahe der Kuppelspitze. Faradin wird Euch später dort hinaus führen. In der ungefähren Mitte der Höhle, an ihrem tiefsten Punkt, befindet sich ein kleiner See ohne erkennbaren Abfluß. Die Zwerge vermuten einen Riß in Höhe der Wasserlinie, der als Überlauf dient, denn der Wasserstand ist seit Jahrhunderten unverändert. Und schließlich gibt es noch einen dritten begehbaren Zugang, zu dem Euch Faradin jetzt führt.
Ihr klettert wiederholt über verschiedene Stufen im Fels, müßt größeren Ansammlungen von Stalagmiten ausweichen und erreicht dann erst einmal den unterirdischen See. "Schaut: seht Ihr die Grottenolme?" Nackte und bleiche, in der Form eidechsenähnliche Tiere schwimmen entlang des Ufers davon. "Sie können als Einzige unserem Licht nicht ausweichen. Aber das ist nicht das einzige Leben hier unten." Er berichtet von winzigen, bleichen Asseln und Spinnen, die man schon gefunden hat. "Aber es muß auch größere Tiere geben, deshalb gehen wir hier lieber vorsichtig vor."
Wände und Decke rücken näher, Ihr folgt einem breiten natürlichen Gang, der sich langsam verengt. Zwischen einigen eng beieinander stehenden Säulen hindurch zwängt Ihr Euch in eine weitere, kleinere Felsenhöhle. Wieder gibt Faradin Euch einen Moment Zeit, Euch an die Dunkelheit zu gewöhnen. "Dies nennen wir die 'Sakristei'. Sie ist nur rund hundert Schritt lang, und am anderen Ende ist ein Tunnel, der weiterführt. Wir haben ihn noch nicht sehr weit erforscht. Hier seht Ihr den Grund."
Ganz in der Nähe des Durchgangs, durch den Ihr gerade gekommen seid, liegt das bleiche Skelett eines Zwerges in den rostigen Resten eines Kettenhemds, daneben das Blatt einer Axt. Die Rippen sind zerschmettert, in der Schädeldecke klafft ein Loch. Ein schwaches Glimmen überzieht die Knochen.
"Was auch immer für ein Tier das war, es hat ihn wohl überrascht. Knollox, unser Oberpriester, hat damals festgestellt, daß man ihm das Hirn ausgesaugt hatte. Geht nicht näher heran! Seht Ihr das Glimmen? Das ist irgend ein Giftstoff, der ansteckend sein könnte. Knollox hat uns verboten, den Leichnam zu berühren. Wir konnten ihn nicht einmal bestatten, den Ärmsten."
Ihr zwängt Euch wieder zwischen den Säulen hindurch und betretet erneut den 'Dom'. Faradin führt Euch auf die gegenüberliegende Seite zurück. Sicher findet er seinen Weg durch einen Irrgarten von Felsensäulen, erklettert einen Sims an der Felswand, kurvt um weitere Säulen - nach einer Weile stellt Ihr überrascht fest, daß der Grund des Doms schon sicher hundert Schritt unter Euch liegt. Immer noch geht es aufwärts, und nun auf den Mittelpunkt der Höhlendecke zu. Immer öfter sind es nun kleinere Tunnel, durch die Ihr aufsteigt, und so bleibt Euch der freie Blick nach unten in die finstere Tiefe erspart. Doch einzelne Passagen führen über kleine Felsbrücken zwischen den Tropfsteinsäulen, und dann spürt man den Abgrund neben sich gähnen.
Wieder verschwindet Faradin vor Euch in einer natürlichen Tunnelöffnung. Diesmal jedoch sind Bearbeitungsspuren zu erkennen: hier und dort hat man Tropfsteine weggeschlagen, um einen Durchlaß zu schaffen. So können zumindest Zwerge hier aufrecht gehen. Schließlich bleibt Faradin vor einer weiteren eisenbeschlagenen Tür stehen. Er klopft.
Ein Guckloch wird geöffnet, Ihr hört ein dumpfes "da seid Ihr ja", dann die Geräusche zurückgeschobener Riegel. Die Tür wird geöffnet, und Ihr tretet hindurch. Hinter den drei Bewaffneten wird die Tür wieder geschlossen und verriegelt.
"Dieser Durchgang ist immer besetzt: es ist ein Notweg für die unteren Ebenen. Falls der Fahrstuhlschacht mal nicht mehr passierbar ist", erklärt Faradin. "Notweg" erklärt die Kraxelei auf den nächsten hundert Metern recht gut. Doch danach steht Ihr wieder in einer kleinen Halle (nur rund zehn Schritt im Durchmesser) mit Rillen im geglätteten Boden, die die bergwerksmäßige Nutzung verraten. Von hier führt ein ordentlicher Gang sanft aufwärts, dem Ihr ohne Mühe folgen könnt.
Einige hundert Schritt weiter trennen sich die drei Bewaffneten von Eurer Gruppe: sie folgen einem sanft abwärts führenden Gang, während Ihr einem etwas steileren Gang aufwärts zu einer weiteren kleinen Halle folgt. Hier betritt Faradin vor Euch einen schmalen Gang, aus dem rhythmisches Klopfen zu hören ist. Über verschiedene Kehren führt er Euch an kurzen Seitengängen vorbei, in denen Zwerge geschäftig hacken und schaufeln, Gestein in kleinen Karren abtransportieren, fluchen und scherzen. Hier erlebt Ihr den klassischen Bergbau, hier ist kein Platz für einen 'Felsenfresser'.
Und offensichtlich wird hier auch anderes Material abgebaut: Ihr seht, wie die Zwerge mit kräftigen Hieben große Felsstücke wegschlagen, dann innehalten, den Fels mit den Händen abtasten, dann vorsichtige, gezielte Hiebe anbringen, mit Meißel und Hammer einzelne Stücke herausbrechen, dann aufheben und in das Licht halten.
Das wirft natürlich die Frage auf, was die Zwerge überhaupt in ihren Minen schürfen. Faradin erklärt: "Wir finden hauptsächlich Steinkohle und Eisenerz, aber es gibt auch kleinere Vorkommen anderer Metalle, oder - wie hier - Anthrazit beziehungsweise Diamant."
Der Aufstieg führt durch weitere schmale Gänge, bis endlich wieder eine größere Kuppelhalle erreicht wird - jedoch ganz ohne Fahrstuhlinstallationen. Dafür geht es erst einmal wieder ein Stück sanft bergab durch einen bequem breiten Gang. Und dann kommt die nächste Halle. Doch Faradin läßt die Fahrkörbe links liegen und führt Euch durch einen weiteren Gang wieder bergan, durch noch eine Kuppelhalle, durch engere Gänge, an einem weiteren 'Felsenfresser' vorbei, eine weitere Kuppelhalle, Gänge, Kuppelhalle, Gänge, endlich eine Kuppelhalle ohne Bergbaueinrichtungen, stattdessen mit Tischen und Bänken und fröhlichen Zwergen...
Faradin führt Euch an einen der Tische: "Ihr müßt doch allmählich hungrig sein, oder?" meint er und winkt einem anderen Zwerg. "Bitte hilf mir gerade mal, unseren Gästen zu servieren." Zu Euch gewandt erklärt er: "Normalerweise holt sich jeder Zwerg sein Essen selbst, aber da Ihr Euch hier nicht so auskennt, machen wir das jetzt anders. Wartet hier." Eure müden Knochen sind einverstanden. Kurz darauf steht ein Maßkrug kühles Zwergenbier vor Euch. Dann bringt Faradin eine große Portion Eintopf.
Nach dem Essen geht die Führung weiter. Faradin zeigt Euch die angrenzende Großküche, die Spülküche und einen Teil der Vorratsräume, dann geht es wieder einen steilen Gang aufwärts. Über eine Treppe erreicht Ihr einen Bereich der Höhle, in dem in regelmäßigen Abständen auf beiden Seiten Öffnungen in die Wohnbereiche der Zwerge führen. Faradin zeigt Euch seinen eigenen Bereich: ein größerer Raum beherbergt ein paar gemütliche Sitzgelegenheiten, eine große Streitaxt (er korrigiert: "Felsspalter"), eine Armbrust, einen Kleiderschrank, Tisch und Stühle, eine Truhe, daneben steht in einem kleinen Nebenraum noch ein Bettgestell.
Nach diesem gemütlichen Zwischenspiel erreicht Ihr wieder geschäftigere Bereiche. In mehreren großen Hallen herrschen vor allem Lärm und Hitze vor. Faradin führt Euch zunächst zur Erzverhüttung. "Eisen liegt in der Regel nicht ganz rein vor. Das Erz wird über Kohlefeuern geschmolzen und das reine Metall damit abgetrennt. Was wir nicht sofort brauchen oder an den Lehnsherrn abliefern, wird in Barren gegossen und nach dem Abkühlen erst einmal ins Lager gebracht. Ein Teil wird aber, solange es noch flüssig ist, gleich mit anderen Metallen" - er bemerkt Euren fragenden Blick - "unser Geheimnis - legiert und dann entweder in Fertigformen gegossen oder auch in Barrenform gebracht. Mit den anderen Metallen funktioniert es ähnlich." Übrig bleibt Schlacke, die ebenfalls abtransportiert wird. Faradin zeigt auf eine Gußform mit vielen kleinen Vertiefungen nebeneinander: "Armbrustspitzen. Hier entsteht die Rohform. Damit der Stahl hart genug ist, um eine Rüstung zu durchdringen, muß die Spitze aber anschließend noch weiterbehandelt werden."
Gleich benachbart liegt die große Schmiedewerkstatt. Gruppenweise arbeiten Zwerge rund um ein gemeinsames Schmiedefeuer und stellen Hacken, Hammer und Hufeisen her. An einer Stelle werden offensichtlich auch Axtblätter gefertigt. Am anderen Ende dieser Halle sind Zwerge damit beschäftigt, die fertigen Stücke mit Holzschäften zu versehen.
Eine Halle weiter wird es wieder kühler, hier fehlen die Gieß- und Schmiedefeuer. Hier wird gehämmert, gedengelt, genagelt und geschraubt. Im Hintergrund ist die unfertige Form eines 'Felsenfressers' zu sehen, an der Seitenwand stehen einige Zielscheiben. Davor sind mehrere Armbrüste in Gestellen befestigt. Mehrere Zwerge flitzen zwischen Gestellen und Zielscheiben hin und her, einer gibt Kommandos. Dann wendet er sich Euch zu. "Ah. Angrosch zum Gruße! Wen hast Du bei Dir, Faradin?" Dieser stellt Euch vor. "Gut. Ich heiße Ballasch. Schaut einfach einen Moment zu." Ballasch nimmt eine der ungewohnt aussehenden kleinen Armbrüste zur Hand, zielt, und schießt auf die Scheibe vor ihm. Ihr seht nur eine kurze Bewegung seiner linken Hand, hört ein Ratschen, und schon schlägt ein weiterer Bolzen gleich neben dem ersten ein. Noch einmal das ratschende Geräusch, diesmal konntet Ihr der Hebelbewegung seiner linken Hand folgen: ein nach unten vorn geklappter Hebel schiebt die Sehne halb zurück, bei der Bewegung zum Schaft zurück wird sie vollends eingerastet, und aus einem Kästchen rutscht ein neuer Bolzen vor die Sehne. Zack! sitzt der dritte Bolzen in der Scheibe, wieder nur eine knappe Fingerbreit neben dem ersten. Doch Ballasch brummt unzufrieden. "Die Durchschlagskraft ist schon so gut wie bei einer normalen Armbrust, der Repetiermechanismus ist zuverlässig. Aber sie trifft noch zu ungenau." Er winkt einen seiner Mitarbeiter heran und reicht ihm die Waffe. "Nochmal genau vermessen, vielleicht hat sich etwas verzogen. Und laß' die Bolzen prüfen, ob sie genau ausgewogen waren."
Faradin erläutert weiter: "Ballasch hat für uns eine leichte Repetierarmbrust erfunden, mit der man schnell mehrere Schüsse hintereinander abgeben kann. Etwa so, wie Ihr es gerade gesehen habt. Die ist aber nicht sehr durchschlagskräftig. Dann hat er eine mittelschwere Stoßladearmbrust erfunden. Die ist kräftig, braucht aber wieder lange zum Nachladen und ist störanfällig. Und jetzt arbeitet er an einer verbesserten Repetierarmbrust mit höherer Durchschlagskraft. Das ist die, die Ihr gerade im Einsatz gesehen habt." Ballasch nickt: "Genau. Durch die Doppelaktionszweiwegenachspannmechanik erreiche ich die doppelte Sehnenspannkraft bei gleich weiter Hebelbewegung: weil beide Bewegungsrichtungen zum Spannen beitragen. Und das bei gleichem Kraftaufwand und besserer Zuverlässigkeit. Aber die Prototypen sind noch nicht zielsicher genug."
Meisterinfo: das bedeutet, daß eine solche Armbrust winzige Ziele nur bis zehn Schritt Distanz treffen kann. Auf mehr als zehn Schritt sind nur noch "sehr kleine" Ziele möglich, und mit jeder weiteren Distanzklasse fällt auch eine weitere Größenklasse weg.
Ihr habt Gelegenheit, die Armbrust einmal auszuprobieren. Tatsächlich ist das Ergebnis eines Schusses unpräziser als gewohnt (wenn Ihr Armbrüste gewohnt seid), aber zum Nachspannen muß man durchaus viel Kraft haben.
Meisterinfo: der Hebelmechanismus erfordert eine Körperkraft von 14 oder mehr zur Repetier-Bedienung - oder das Absetzen der Armbrust, womit sie nur noch so schnell wie eine normale Geißfuß-bediente Armbrust wäre. Um alle zwei statt alle vier Kampfrunden einen Schuß abgeben zu können, ist eine KK von mindestens 16 erforderlich. Dieses Gerät ist somit mehr für kräftige Leute gedacht.
Meisterinfo: Bislang wird keines der drei Modelle an Dritte verkauft.
Nach diesen interessanten Einblicken folgt noch ein Spaziergang an der Lorenfertigung vorbei durch die Seilmacherei, dann führt Faradin Euch zum Eingangsportal zurück und verabschiedet Euch. "Ich hoffe, es hat Euch gefallen, und wenn Ihr wollt, kommt gerne wieder. Angrosch zum Gruße!"

Querschnitt der Führung (rote Linie)
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