Einst lebte das Volk der Jurtikaukiä (=derer von den grünen Hütten) in den weiten Steppen des Nordens, zog mit den Karenherden unter dem Nordlicht. Doch war ihnen kein Glück beschieden, denn die Sippen der Rotpelze neideten ihnen ihren Frieden und jagten ihre Herden. So nahmen die Männer ihre Bögen und Dolche und wachten über die Herden, und wenn die Rotpelze kamen, sandte man ihnen Pfeile und vertrieb sie mit den Dolchen. Aber die Rotpelze waren zahlreich, und sie wehrten sich, und viele des Volkes kehrten nicht ans Lagerfeuer zurück.
Diese Tapferen fehlten bei der Versorgung der Herden, und die einst stolzen Karene der Jurtikaukiä wurden krank und starben, und bald waren es zuwenige, um das Volk zu ernähren. Und immer noch kamen die Rotpelze und stahlen das Wenige, das geblieben war. In ihrer Verzweiflung wandten die Ältesten sich an Griekii um Rat.
Und eines Nachts, als sie alle sich versammelt hatten, fiel ein Stern vom Himmel und verschwand in einer Bergkette im Süden. Das war das Zeichen, auf das sie gewartet hatten! Und so packte die Sippe ihre wenigen Habseligkeiten, brach die Hütten ab, und zog gen Süden. So überraschend verschwanden sie, daß die Rotpelze dies erst Tage später bemerkten, und als diese den Zug des Volkes schließlich erreichten, waren sie so geschwächt, daß man sich ihrer leicht erwehren konnte.
Die Karene überstanden die beschwerliche Reise nicht, und nur wenige Ziegen blieben dem Volk, als man die fernen Berge erreichte. Und doch war dies ein Zeichen, denn den schmalen Steig, der in die schroffen Spitzen hinauf wies, hätte keines der Tiere bezwungen. Und mit den Rotpelzen im Nacken, die - wenn auch geschwächt - nicht abließen von ihren Angriffen, blieb den Jurtikaukiä keine Wahl, als den Aufstieg zu versuchen.
So erreichte man ein kleines, grünes Hochtal, bewohnt von Bergziegen und Pfeifhasen, ein wahres Idyll, unberührt vom Gedanken an Kampf und Not, eine Labsal für die strapazierten Körper der Flüchtenden. Aber auch nur ein Ort der Rast, kein Platz des langen Verweilens, denn dieses Land konnte das Volk nicht lange ernähren, und zudem wäre es ein Frevel gewesen, diesen Ort zu nutzen über die gröbste Not hinaus.
Also zogen sie weiter, wohin die Spuren der Bergziegen sie führten, und das Schicksal meinte es gut mit ihnen, denn keiner von ihnen glitt aus auf den schmalen Simsen und auf den steilen Geröllfeldern, die es zu überqueren galt. Niemand stürzte beim Erklimmen steiler Grate, niemand fiel beim Abstieg über blanke Felsklippen. Zwei weitere, ebenso paradiesische Hochtäler galt es zu durchqueren, und dann wurden sie belohnt: Bald fiel der Blick auf ein weites, von dichtem Wald bewachsenes Tal, durch das zwei klare, frische Gebirgsbäche über viele Schnellen und Stufen hindurcheilten. Schon war der Abstieg weniger beschwerlich, und froher Mut erfüllte die Herzen des Volkes, denn dies konnte eine neue Heimat sein - auch wenn man die Weite der Steppe alsbald vermissen mochte...
Vertraute Geräusche empfingen die Wandernden in ihrer ersten Nacht im Tal: Das Heulen zahlloser Wölfe schallte zurück von den umliegenden Zinnen, Wällen und Spitzen! So sehr diese Geräusche ein Willkommensgruß sein mochten, so sehr waren sie auch eine Warnung: dieses Territorium war in fester Hand, und man mochte Gäste begrüßen, doch Eroberer niemals dulden. Und Eroberer wäre man, wollte man hier verweilen und seßhaft werden. Sollte der Weg hierher umsonst gewesen sein?
Nein! Lichtschein erhellte die Nacht über jedes normale Maß hinaus, hinter den Kuppen im Südosten. Lichtschein, der die Morgendämmerung noch überstrahlte, bis die Sonne hoch am Himmel stand. Diese wiederum ward verdunkelt von Wolken schwarzen und weißen Rauchs, die über die Kämme drangen. Ein Feuer! Ein Waldbrand? Würde dieser das ganze Tal erfassen? Eingeschlossen wäre man, und durch die Berge, zu den Rotpelzen zurückgetrieben? Das konnte der Sinn der langen Reise nicht sein.
Die Ältesten drängten zum Aufbruch, dem Wasser zu folgen, das das Tal ja auch verlassen mußte, bevor lodernde Wände diesen Weg versperren mochten. So zog man erneut los, die Müdigkeit in den Gliedern ignorierend, der beginnenden Verzweiflung trotzend. Nicht lange, und durch eine Lücke in den felsigen Wällen wurde die Quelle von Rauch und Feuerschein sichtbar: der steile Einstieg zu einem Hochtal, aus dem rußiges Wasser in einem mächtigen Schwall hinabschoß zu dem Bach, dem man gefolgt war. Der karge Hang, den man hinaufblickte, würde den Flammen jedoch kaum Nahrung versprechen, zum Wald hinab zu steigen. Und die Gischt des tosenden Falls, die die Wanderer durchnäßte, bot Schutz vor dem Flug der kleinen Feuerteufel, die den Wipfeln im waldigen Tal hätten drohen können.
Am nächsten Morgen hatte der Rauch nachgelassen. Im Schutz der feuchten Luft erkundeten Mutige den Einstieg zum Hochtal, und was sie sahen, verkündete das Ende der Reise: ein weites Hochtal, fruchtbare Erde, durch den Brand befreit vom dichten Wald und genährt von frischer Asche: wie geschaffen für ein Volk, das die Weite der Steppe so liebte und die offenen Weideflächen so brauchte!
In der Mitte des Tales bildete ein kleiner Krater, letzte Spur des vom Himmel gefallenen Sternes, einen kleinen See: natürliches Zentrum für die erste Siedlung des Jurtikaukiä. Und mit den Wölfen drunten im Tale mochte kaum ein Feind je den Zugang zu diesem natürlichen Paradies finden.
Oben - Kontakt
- Zurück zur Startseite