Besuch der Gepanzerten

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Hier ist die Sage, wie sie die alte Liejäki vom Berg erzählt:

Von den Besuchern

Lange Zeit lebte die Sippe der Hirten im Wolfental friedlich und ungestört, nur selten besucht von den Wölfen des Tals und selbst nur selten zu Besuch im Tal bei den Wölfen. Und keiner tat dem anderen ein Leid, wie es der Bund befahl.

Es war ein Frühjahr, das Furcht über die Sippe brachte und sie erinnerte an die Tage des alten Bundes: Hamar ging hinab ins Tal wie oft im Frühjahr, doch er kam nicht zurück. Und auch am folgenden Tage warteten die Seinen vergeblich. Die alte Niska gebot ihnen, sich zu gedulden um weitere drei Himmelsläufe, doch er erschien nicht mehr. Am Morgen des fünften Tages erscholl das Geheul zahlreicher Wölfe aus dem Tal, und am Abend erschienen die Wölfinnen am Einstieg des Tales mit ihren Welpen, umgingen die Wartenden der Sippe und zogen tief hinein ins Wolfental.

Dies war nicht mehr geschehen seit den Tagen des Bundes, und das drohende Unheil wurde dem Volke bewußt. Und so begann man, wieder Pfeilspitzen zu gießen und Sehnen zu ziehen und Schäfte zu hobeln, um sich zu wappnen gegen das Böse im Tal. Doch bis auf das Heulen der Wölfe im Tal blieb es ruhig.

Am Ende des Sommers waren die Wolfswelpen groß und hungrig geworden, und immer häufiger mußten sie betteln kommen bei den Hirten, und diese konnten nicht mehr viel geben. Und so beschlossen die Alten, im Waldigen Tal nachzusehen, ob die Jungen nicht zu den Rudeln zurückkehren könnten. Und wenn es ihnen nicht vergönnt wäre zurückzukehren, so wie es Hamar geschah, nun, so waren sie schließlich alt genug geworden und in einem Kampfe nicht mehr von Nutzen.

Doch groß war ihre Überraschung, als sie am Fuße der Wasserfälle ein festes Lager großgewachsener, hellhäutiger Menschen in schweren Eisenpanzern und mit riesigen Dolchen vorfanden. Viele der Menschen waren verletzt, und alle wirkten sehr hungrig, doch Stolz und Mut sprach aus ihren Augen. Und ihr Anführer hatte den roten Schopf des Hirtenvolkes, und ein großer Wolf lag zu seinen Füßen! Und er sprach die Zunge des Volkes!

Obwohl der Mann müde aussah, baten die Alten ihn, zu ihren Lagern mitzukommen, und mit der alten Niska zu reden. So folgte er zu ihren Lagern, der erste fremde Besucher überhaupt, und er brachte seinen Wolf mit. Freude leuchtete auf in den Augen der alten Niska, und sie begrüßte den Gepanzerten mit den Worten: »Du bist der, der den Bund vollenden wird!«

Und dann erzählten sie: die alte Niska aus den Tagen des Wolfsbundes, und der große Freund der Wölfe von seinem Kampf gegen die Ungeheuer im Tal. Und dann schwiegen sie lange. Schließlich sagte der große Mann: »Die Meinen sind müde und hungrig, und sie warten auf mich. Ich muß zurückkehren und unseren Kampf fortführen. Ich kann nicht erwarten, daß Ihr mich begleitet. Doch ich muß Euch bitten, das Wenige, das ihr habt, mit uns zu teilen. Denn wenn wir unterliegen, werdet ihr hier niemals in Frieden leben können.«

»So soll es sein,« sprach die alte Niska, »und Ihr werdet eine steinerne Feste errichten, das Tal zu schützen vor allem, was wider die Natur sei. Denn so befiehlt es der Bund.«

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Von den Baumeistern

Innerhalb von zwei Monden kamen immer mehr Menschen ins Tal. Sie begannen, Holz zu fällen und im Tal, an der Mündung des Wolfbaches in den Waldbach eine Befestigung zu errichten. Auch weitere Krieger kamen. Und immer wieder hörten die Alten der Sippe die Geschichten von Ungeheuern, die die Krieger überfielen und schlimmen Blutzoll forderten.

Eines Tages kamen die Alten mit Ziegenkäse und Brot zur Feste im Tal, und fanden nur verbrannte, zersplitterte Holzreste, stinkenden, fauligen Schleim und die zerfetzten Leiber der Gepanzerten und ihrer Helfer. Furcht erfaßte ihr Herz, und sie rannten hinauf ins Wolfental, bis ihre Beine nachgaben unter der Anstrengung.

Dort fand sie der große Freund der Wölfe, und er und seine wenigen verbliebenen Gefährten nahmen die Alten auf und brachten sie zu ihren Hütten. Dort berichtete er von dem Überfall der Ungeheuer, von ihrem Kampf, von Rückzug und Verfolgung, von ihrem teuren Sieg gegen die Ungeheuer, und vom Zug der Verletzten, die er heimsenden mußte, da sie nicht einmal mehr ein Schwert führen konnten.

»Niemals werden wir siegen, wenn wir den Platz nicht finden, an dem die Ungeheuer in diese Welt eintreten!« verkündete der große Rothaarige. »Und niemals werdet Ihr siegen, wenn ihr nicht dem Wort des Bundes folgt!« entgegnete die Alte Niska. »So wird es geschehen« versprach der Große.

So geschah es auch: nur wenig später, mitten im späten Winter, kamen wieder viele Menschen. Diesmal waren aber auch viele sehr kleine, kräftige, bärtige Leute dabei, die eine schrecklich fremde Sprache hatten, laute Musik machten und wie durch Zauberei aus dem Fels eine Feste zu formen begannen, diesmal oben auf der Spitze der Berge.

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Vom Zweiten Wolfsbund

Wieder und wieder kam es zum Kampf der Gepanzerten gegen die Ungeheuer. Und es kam vor, daß eines der Wesen seinen Weg hinauf an den Einstieg des Wolfentals fand. Dort, am Mahnmal für Inuks Kampf, warteten die Hirten bereits. Und als das Wesen im Angesicht des Steines verharrte, da flogen ihre Pfeile. Aber das Wesen schüttelte sie ab wie lästige Fliegen, und dann stürzte es sich unter die Tapferen, zerfetzte sie und verstreute ihre Körper über den Hang.

Dann kamen die Gepanzerten den Hang hinauf, fanden und bekämpften das Wesen, und dann brachten sie die traurige Nachricht zu den Hütten der Sippe. Und wieder sprach der große Rothaarige: »Niemals werden wir siegen, wenn wir den Platz nicht finden, an dem die Ungeheuer in diese Welt eintreten!«

Schließlich, im dritten Winter, war die große Feste fertig, so wie sie sich noch heute auf dem großen Felsen erhebt. Alle Bewohner des Tals waren eingeladen, der »Weihe« der Burg beizuwohnen. Noch mehr Gepanzerte waren zu Burg gekommen, und sie sangen Lieder in ihrer eigenen Sprache und schwenkten ihre langen Klingen. Die ganze Nacht hindurch ging dieses Fest, bis im Morgen ein lautes Geheul einsetzte. Aus vielen hundert Kehlen erscholl die Antwort der Wölfe des Tals.

Dann stand eine einzelne, riesige alte Wölfin im Portal der Burg und heulte erneut, und es war still. Auf ein Zeichen des großen Rothaarigen senkten die Krieger ihre Schwerter. Und die Wölfin sprach:

»Mensch und Wolf haben gemeinsam gelitten unter den Widernatürlichen. Dies Tal ist ihr gemeinsames Revier seit der Zeit des ersten Bundes, und keiner hat dem anderen Leid angetan. Die Menschen haben eine steinerne Feste errichtet, wie es der Bund befahl, und ein Freund der Wölfe hat Einzug gehalten in diesem Tal. Nun ist es seine Zeit, die Brut des Fremden zu bekämpfen in seinem Nest, wo die Welt zu Ende ist, hinter den drei Zinnen. Dann mögen die Menschen ein Auge haben auf das Nest, bis die Wächter eintreffen. Diese werden sich einrichten im Weltenende, das Nest zu zerstören und den Nistplatz zu bewachen, daß kein Unheil mehr bedrohe Wolf und Mensch. Dies ist der zweite Bund im Wolfental, besiegelt mit dem Blut der Völker, und gültig bis in alle Ewigkeit.«

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Vom Auszug der Gepanzerten

Viele weitere Gepanzerte kamen im folgenden Mond hinzu, während der große Rothaarige mit seinem Wolf das Waldige Tal durchstreifte, um nach dem Weltenende zu suchen. Eines Tages kam er zurück, eiliger als sonst, und seine Gefährten stießen laut ins Horn, so daß man ihr Kommen von weitem vernehmen konnte. Eilig kamen die anderen Gepanzerten aus der Burg herab, während die Ankommenden den steilen Hang erklommen, bis sie Inuks Mahnmal erreichten.

Entsetzen erfaßte die Herzen der anwesenden Hirten des Volkes, als sie den Grund für die Eile erkannten: aus dem Wald am Fuße des Hangs brachen unzählige fürchterliche Ungeheuer, und strebten den Hang hinauf. Auch manche der Gepanzerten wirkten erschrocken, doch sie faßten sich ein Herz und beteten zu ihren Göttern.

Dann gab der große Rothaarige seine Befehle: die Felsen, die man aus der Burg herausgeschlagen hatte, sollten zu einem Wall geschichtet werden. Sofort kamen alle Baumeister, die der großen wie die der kleinen Leute, und machten sich ans Werk. Und auch die Hirten faßten mit an, denn was konnten sie sonst tun? Nur ein Alter ging, um sein Volk zu warnen, daß sie sich wappneten für das Gefecht.

Von fern hörte man das Fauchen der feuerspeienden Ungeheuer, das Klirren von Metall, die Schreie der Verwundeten, das unweltliche Gebrüll der Kreaturen, sah Flammen auflodern und Rauch, doch die Gepanzerten hielten stand. Dann vernahm man einen gleichmäßigen Gesang aus vielen Kehlen, und dieser wurde lauter und lauter. Und je weniger Stimmen den Gesang trugen, desto lauter sangen die Wenigen, bis schließlich Stille einkehrte.

Lange Zeit wartete man, ob sich etwas regte, ob gar eine der schrecklichen Kreaturen seinen Weg ins Tal suchen wollte, bis schließlich einer des Volkes den ersten Schritt tat, und dann seine Nächsten ihm folgten, bis schließlich das ganze Volk zum Schlachtfeld hin strebte.

Von den Kreaturen war nichts mehr zu sehen. Bestialischer Gestank wurde vom Winde nur langsam vertrieben. Überall lagen Trümmer, Leichen, Verletzte, Gepanzerte wie Baumeister und Hirten. Die nur leicht Verletzten waren zusammengesunken, hatten keine Kraft mehr, sich zu erheben. So gab es doch etwas zu tun für das Volk, die Verletzten zu pflegen und hinaufzubringen zu ihrer Burg.

Nicht lange dauerte dieser Moment der Ruhe, dann rief der große Rothaarige alle seine Getreuen, die nicht zu schwer verletzt waren, und sprach: »Nun kennen wir den Platz, an dem die Bestien in diese Welt eintreten. Und wir haben die Wächter besiegt, die dieses Tor offen hielten. Rondra ist mit uns, und wird mit uns sein, wenn wir den Kampf nun zu ihnen tragen!«

Zuversicht erfaßte die Hirten, als sie diese Worte vernahmen, und Zuversicht und Entschlossenheit sprach aus jedem der Gepanzerten, als diese sich streckten und ihrem Anführer mit erhobenem Haupt aus der Burg folgten. Am Tor wandte der große Rothaarige sich um und beugte sich hinab zu einem der Hirten, und sagte zu ihm: »Auch wenn wir nicht wiederkehren, bewahrt unser Andenken, und eines Tages wird ein neuer Wolfsfreund kommen und den Wolfsbund erneuern.«

Damit verschwand er, und kehrte nie zurück. Nur sein Wolf erschien Tage später, um sich am Portal der Burg niederzulassen, und jeden böse anzuknurren, der Einlaß begehrte. So gaben die großen und kleinen Leute schließlich auf (denn niemand wollte mit dem Wolf kämpfen) und verließen die Burg und den Bauplatz, und ließen sich anderswo nieder.

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