Bericht: Gereons Expedition ins Wolfental

Verfaßt im Jahre 246 BF von Gereon von Wolfsburg, Ritter der Göttin im Heiligen Orden unserer Herrin Rondra vom Theater in Arivor

1. RON: Es ist sicher ein gutes Vorzeichen, daß wir just zu Beginn des Rondramondes die Gabelung des Bornflusses erreicht haben. Zumal unsere anstrengende Reise bis hierher vollkommen unbelästigt vom üblichen Unbill blieb. Hier wollen wir uns einen Ruhetag gönnen und der Herrin gedenken, und dann will ich den Gefährten auch den Anlaß unseres Hierseins verkünden.

Wir, das sind zwölf Ritter der Göttin und zwölf Knappen. Zu Fuß, nur mit einem Dutzend Eseln, waren wir vor gut zweieinhalb Wochen, am 12. PRA, von der Wolfsburg bei Leufurten aufgebrochen, um einigen seltsamen Meldungen von Patrouillen aus dieser entlegenen Gegend auf den Grund zu gehen. Diese Berichte unterliegen weiterhin der Geheimhaltung, deshalb kann ich in diesem Report auch nur darauf verweisen.

Auch meine Gefährten sind bis jetzt im Unklaren über den Anlaß unseres Hierseins, doch nun will ich ihnen erklären, wonach wir suchen. Denn von hier ab könnte es gefährlich werden, und so haben sie ein Recht auf dieses Wissen - ebenso wie die Notwendigkeit, denn ich bin nicht unsterblich. So lauschen sie denn konzentriert meinen Erläuterungen, während Hektor zu meinen Füßen liegt und sich am Ohr kraulen läßt. (Habe ich vergessen, Hektor zu erwähnen? Ein Nachkomme des Wolfes, den mein Vater von einer Reise in den Norden mitbrachte, und der unserem Heim seinen Namen gab.)

2. RON: Die Trägheit von der anstrengenden Anreise ist einer erwartungsvollen Anspannung gewichen, als wir dem Verlauf des Linken Born am Westufer flußaufwärts folgen: auch meine Gefährten hat nun die Vorahnung erfaßt, daß wir wohl in eine Schlacht ziehen. Doch noch ist alles ruhig. Im sumpfigen Gelände seitlich des Ufers kommen wir nur langsam voran.

4. RON: Nach einem dichten Waldstück tauchen efferdwärts höhere Berge auf. Es ist nicht mehr so sumpfig, und wir kommen besser voran. Noch immer gibt es keine Anzeichen von irgend einer Gefahr.

5. RON: Die Berge wichen zeitweilig zurück, nur um nun beidseits des Flusses vor uns aufzuragen. Obwohl der Tag noch nicht herum ist, lasse ich erneut rasten, bevor wir uns weiter in die Berge wagen. Hektor weigert sich, vom Flußwasser zu trinken, und auch Knappe Rosanna rümpft die Nase. Aufgrund unserer Informationen entscheide ich, auf unsere mitgebrachten Trinkwasservorräte zurückzugreifen.

6. RON: Heute morgen ist das Wasser wieder trinkbar, zumindest für den Wolf. Ich lasse auch die Esel zum Ufer führen, bestehe aber bei meinen Gefährten nicht darauf, die Vorräte zu schonen. Vielleicht sind wir schon nahe am Ziel, ich will die Gedanken meiner Mitstreiter nicht mit Zweifeln über ihre Nahrung belasten.

Zwei Stunden später erreichen wir einen Zufluß aus den Bergen im Osten. Erstmals wird deutlich, was die Berichte gemeint haben: das Wasser ist rostig rot gefärbt und stinkt erbärmlich faul, während der von Norden kommende Born klar und sauber erscheint. Diesen müssen wir nun überqueren. Es kostet uns eine halbe Stunde, oberhalb der Mündung einen geeigneten Übergang zu finden. Immerhin können wir hier unsere Wasservorräte wieder auffüllen.

Unser Weg führt uns zurück an die Mündung, von dort dem stinkenden, schmutzigen Wasser bergwärts folgend. An der Südostseite flankiert von zunehmend schroffer werdenden Bergen steigen wir auf, bis im Norden die Ausläufer einer weiteren Bergkette hinter den Wipfeln des dichter werdenden Waldes auftauchen.

7. RON: Hektor ist unruhig, jault und winselt. In der Nacht hatten wir vereinzelt Wolfsgeheul vernommen. Was werden wir vorfinden?

Zunächst bleiben wir unbehelligt. Auf Höhe einer weiteren Flußgabelung wird rahjawärts der steile Einstieg in ein Hochtal sichtbar, flankiert von majestätischen, eisbedeckten Felstürmen. Über mehrere Kaskaden stürzt das Wasser einige hundert Schritt in die Tiefe, dort gespeist von weiteren, kleineren Wasserfällen, die jetzt im Spätsommer aber recht dünn sind - verglichen mit den deutlich erkennbaren Spuren ihrer frühjährlichen Aktivität. Auch dieses Wasser ist klar und sauber, wir folgen also dem größeren Bach, jetzt wieder auf der Westseite, weiter taleinwärts. Dies wird schwieriger, da der dichte Wald näher an die Ufer heranrückt. Schließlich finden wir nochmal einen Rastplatz in einer Flußbiegung: während der Schneeschmelze sicher ein Überflutungsgebiet, doch im Rondramond ein sicheres Plätzchen für müde Krieger.

Wolfsgeheul verkündet nächtlichen Besuch, und dreiundzwanzig Hände nähern sich den Schwertgriffen, doch ich bin mir sicher, daß wir nicht wegen Wölfen hier sind. Zudem ist Hektor offensichtlich nicht beunruhigt. Also lasse ich einen Teil unserer Fleischvorräte am entfernten Rand der Lichtung auslegen und gemahne die Gefährten zur Besonnenheit. Die Rechnung geht auf: für einen kurzen Moment sind graue Schatten im Licht der Mada zu sehen, dann ist unsere »Spende« verschwunden.

8. RON: Bestialischer Gestank begrüßt uns beim Erwachen: der Gebirgsbach ist zu einer dampfenden, fauligen Kloake geworden, deren Pesthauch Brechreiz auslöst. Niemandem ist nach Essen zumute, doch ich bin mir sicher, daß wir heute unsere volle Kraft brauchen. Also ziehen wir uns ein Stück in den Wald hinein zurück.

Hektors kurzes Aufjaulen ist die einzige Vorwarnung. Augenblicke später fallen mehrere Kreaturen der Niederhöllen über unsere Esel her, reißen diese in Stücke und wenden sich dann in unsere Richtung um. Eine unhaltbare Situation für uns, denn unsere Zweihänder und Rondrakämme würden zwischen den Bäumen kaum zu führen sein. Mit einem gebrüllten »Für Rondra!« und gezogenem Kamm stürze ich mich auf die Lichtung, den grausigen Kreaturen entgegen. Wie nicht anders zu erwarten, folgen die Kameraden ohne Verzögerung.

Es ist mir im Nachhinein unmöglich zu sagen, wieviele dieser Dämonen es waren. Vom Wald aus hatte ich keinen Überblick, während des Kampfes blieb keine Zeit, nach dem Kampf blieben von ihnen keine Überreste zum Zählen. Ich kann auch nicht sagen, was für Kreaturen es waren, nur daß sie zahllose Klauen, Zähne und Würgearme hatten, entsetzlich stanken, heiß wie Feuer waren und unheimlich schnell. Vielleicht trafen einzelne dieser Merkmale auch nur auf einzelne dieser Kreaturen zu, wer will dies noch sagen? Unsere geweihten Waffen rissen fürchterliche Wunden in die unheiligen Wesen, doch zeigten diese keinerlei Furcht oder Respekt, als sei der Kampf und das Zerreissen ihr einziger Daseinszweck.

Zwei der Kameraden starben im Kampf, einer überlebte die Nacht nicht, alle hatten zahlreiche schwere Wunden, doch wir hatten - Rondra sei Dank! - schließlich gesiegt. Nun ist kein Zweifel mehr an unserer Aufgabe hier. Die Esel haben wir verloren, doch nicht unsere Vorräte.

12. RON: Mehrere Tage sind wir unbehelligt durch den Wald gestreift - ich wage angesichts des Geschehenen nicht, meine kleine Gruppe zu teilen -, bevor wir heute erneut auf ein solches Wesen der Finsternis stießen.

Diesmal hatten wir die Überraschung auf unserer Seite, hatten das Wesen erspäht, bevor es uns bemerkt hatte: ein warzenübersätes, vogelartiges Wesen mit Schnabel, Tentakeln und Hörnern, das uns auf unseren Ruf hin ohne Zögern angriff. Rondra möge uns verzeihen, daß wir diesen Wesen keinen Zweikampf zugestehen mochten, so daß es in ein Gewitter der Hiebe unserer Klingen hineinlief und sich sofort in einer schwefligen Rauchwolke auflöste.

17. RON: Ein Rudel aus vier gelbvioletten, säbelzahntigerartigen Wesen verletzt drei der Kameraden leicht, einen schwerer, während wir den westlichen Wald durchstreifen. Inzwischen habe ich an der Flußgabelung, unterhalb der Wasserfälle des Taleinstiegs, ein Lager aufgeschlagen, von dem aus wir unsere Patrouillen durchführen. Mir wird klar, daß dies eine längere Aufgabe wird; vielleicht gibt es hier irgendwo einen Schamanen, der die Kreaturen rief, vielleicht gar einen Übergang? Ohne den Mut der Kameraden in Zweifel ziehen zu wollen: mit ein wenig Pech würden die Kreaturen uns aufreiben, zudem sind unsere Vorräte nicht unbegrenzt. Wir benötigen einen Stützpunkt und Leute für die Logistik, womöglich regelmäßige Lieferungen, jedenfalls einen Heilkundigen, wenn wir hier durchhalten wollen. Firun sei Dank, bislang ist das Jagdglück auf unserer Seite (man verzeihe mir, daß ich in dieser Sache - der Jagd - nicht allein der Herrin huldige).

19. RON: Der schwer verletzte Kamerad ist reisefähig, wird jedoch für eine Weile keine Hilfe im Kampf sein. Zusammen mit einem leichter verletzten Knappen sende ich ihn nach Leufurten zurück, um diesen Bericht zu überbringen. Achtzehn Mitstreiter bleiben mir, das wird erst einmal reichen, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Bis Verstärkung eintrifft, haben wir vielleicht die Quelle der unheiligen Umtriebe ausgemacht. Ich gestehe ein: ich weiß, wie man einen Goblin-Schamanen zur Strecke bringt. Doch wie schließt man ein Tor zu den Niederhöllen, wenn wir ein solches finden sollten?



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